FM 4484

FM 4484 kompakt – Was der neue Standard wirklich prüft und was nicht

Die Zahl der PV-Anlagen auf Dächern wächst rasant. Damit rückt eine hochspezifische Brandschutzfrage in den Fokus: Wie begrenzen wir einen Brand, der im Hohlraum unter starren PV-Modulen entsteht, auf bereits vorhandenen Dachaufbauten? Genau hier setzt FM 4484 an. Der Standard beschreibt, wie nachträglich aufgebrachte Dachbeschichtungen geprüft und zertifiziert werden, um Flammenausbreitung oberhalb des Dachdecks wirksam zu begrenzen. Er ist im Juli 2025 veröffentlicht worden und ergänzt das bestehende FM-Portfolio um das Retrofit-Szenario unter PV-Modulen.

Autorenfoto von Bastian Kuhlmann

Bastian Kuhlmann

Geschäftsführer Sonnen Stark GmbH

Zielbild des Standards

FM 4484 verfolgt ein klares Ziel: Nachrüst-Beschichtungen sollen nachweislich verhindern, dass sich ein unter PV-Modulen entstehender Brand über die Dachoberfläche fortsetzt. Die Prüfung adressiert ausschließlich den Brandangriff von oben, also von der Dachaußenseite in den kritischen Zwischenraum unter den Modulen.

Der Scope – was erfasst ist

Der Standard gilt für Retrofit-Beschichtungen auf bestehenden Dachabdichtungen mit starren, gerahmten PV-Modulen. Er umfasst typische Einbausituationen mit und ohne Unterkonstruktion, inklusive mechanisch befestigter, vollflächig geklebter und ballastierter Systeme. Entscheidend ist: Geprüft wird die Beschichtung auf dem vorhandenen Dach, nicht die PV-Anlage als System.

Was FM 4484 ausdrücklich nicht bewertet

Nicht Gegenstand der Prüfung sind unter anderem:

  • Windauftrieb
  • Hagel
  • Seismische Beanspruchung
  • Elektrische Sicherheit
  • Lasten auf dem Dachaufbau
  • Brände von unten (unterhalb des Tragdecks)

Für diese Themen gelten andere Normen, zum Beispiel FM 4478 für PV-Systeme oder ASTM E108 für Dachdeckungen. FM 4484 schließt damit eine Lücke speziell für die Flammenausbreitung im PV-Zwischenraum auf Bestandsdächern.

Begriffe, die man kennen sollte

„Coating“ ist in FM 4484 eine flüssig applizierte Schicht (mit oder ohne Verstärkung), die auf das Dach aufgebracht wird. Verstärkung kann bedeuten, dass eine Einlage in das flüssige System eingebettet wird. Ein separates, lose aufgelegtes Textil ohne flüssige Matrix fällt begrifflich nicht automatisch unter „Coating“. Für die Bewertung zählt, wie das Produkt konstruktiv als Beschichtung eingesetzt wird und welchen Nachweis es unter FM 4484 erbringt.

Prüfprinzip: „Fire spread from above the roof deck“

FM 4484 verweist für die Flammenausbreitung auf das Prüfsetup gemäß FM 4478 und eine Kalibrierung nach ASTM E108 (Class A). Die Beschichtung wird aufgebracht wie vorgesehen, anschließend wird ein PV-Array über der beschichteten Dachoberfläche installiert und der Brandangriff im Hohlraum simuliert. Entscheidend ist das reale Zusammenwirken von Beschichtung, Dachaufbau und Modulzwischenraum.

Die zwei Referenz-Dachaufbauten

Getestet wird auf zwei definierten Dachkonstruktionen, die typische Bestandsaufbauten abbilden: eine EPDM-Variante und eine Asphaltic-BUR-Variante. Die folgende Übersicht stellt die wichtigsten Merkmale gegenüber:

KriteriumEPDM-DachaufbauAsphaltic BUR-Dachaufbau
DachoberlageNicht-feuergehemmte EPDM-Bahn, 1,2 mm, mechanisch befestigtVierlagiger Bitumen-Aufbau mit Heißbitumenauftrag gemäß festgelegten Auftragsmengen
DämmungXPS-Dämmung, 51 mm (≈ 35,4 kg/m³)Gips-Dämmplatte, 6 mm
TragplatteHolz-Tragplatte, 13 mmHolz-Tragplatte, 13 mm
Applikation der Retrofit-BeschichtungBeschichtung wird jeweils auf die Oberlage appliziert – exakt gemäß Herstellervorgaben
PV-ModultypStarre, gerahmte „plastic-backed“-PV-Module, butt-to-butt verlegt
Luftschicht unter den ModulenAbstand von ca. 127 mm zwischen Modulunterseite und Dachoberfläche
TestdeckPrüfstand mit ca. 4,9 m × 1,5 m, flach geneigt (etwa 2,4°)

Die Retrofit-Beschichtung wird in beiden Fällen auf die Oberlage appliziert, exakt nach Herstellervorgaben. Die PV-Module sind starr, „plastic-backed“, butt-to-butt verlegt, mit einer definierten Luftschicht von 127 mm (Mitte Modulunterseite bis Dachoberfläche). Das Testdeck misst 4,9 m × 1,5 m und ist flach geneigt (etwa 2,4°).

Skizze Referenz Dachaufbau
Skizze: Referenz Dachaufbau

Testdurchführung in Kürze

Für jede der beiden Dachvarianten werden zwei Flammenausbreitungstests gefahren. Die Exposition dauert 10 Minuten oder bis die Flamme vom maximalen Ausbreitungspunkt zurückläuft. Die Windausrichtung entspricht der Längsrichtung der Module; die Modullänge liegt parallel zum Wind. Das ist wesentlich, weil Strömung und Geometrie die Flammenausbreitung im Kanal unter den Modulen bestimmen.

Akzeptanzkriterien: Woran „Bestanden“ gemessen wird

Damit eine Beschichtung unter FM 4484 besteht, darf die Flammenfront die Modulreihe am Austritt um nicht mehr als 152 mm überschreiten. Ebenso darf die Schädigung des darunterliegenden Dachaufbaus den gleichen Bereich nicht überschreiten. Zusätzlich gelten Festlegungen entlang der Längskanten des Prüfmusters.  Die Grenzwerte sind absichtlich knapp bemessen, weil es um Funktionalität im Worst Case geht:

Die Beschichtung soll lokalisieren, statt großflächig entflammen zu lassen. Eine Kurzzusammenfassung der Grenzwerte veröffentlicht FM Approvals auch begleitend zur Standard-Ankündigung.

Identifikation und Qualitätssicherung gehören dazu

Neben der Brandprüfung sieht FM 4484 Identifikationstests vor, etwa FTIR und TD/GC/MS. Sie dienen der Produktidentität, nicht der Leistungsbewertung. Für die Produktion sind Markierungen, Einbau- und Wartungsanleitungen sowie ein nachweislich wirksames QS-System gefordert. Die Zertifizierung schließt Werksaudits und Surveillance ein, damit die geprüfte Leistung dauerhaft reproduzierbar bleibt.

Abgrenzung zu FM 4482 und anderen Regeln

FM 4482 behandelt Maintenance-Coatings ohne PV-Bezug. FM 4484 adressiert den PV-spezifischen Retrofit-Fall mit Hohlraum unter starren Modulen. Für PV-Systeme als solche bleiben FM 4478 und weitere Bausteine maßgeblich. Für die Kalibrierung und die Feuerexposition am Dachrand ist ASTM E108 die Referenz. Die Prüf- und Nachweislogik ist damit komplementär, nicht konkurrierend.

Was bedeutet das für Planung, Betrieb und Versicherbarkeit?

Für Brandschutzverantwortliche, Sachverständige, Planer und Betreiber schafft FM 4484 einen klaren, reproduzierbaren Nachweis, dass eine Beschichtung auf Bestandsdächern im PV-Zwischenraum wirksam gegen Flammenausbreitung arbeitet. Für Versicherer entsteht damit eine prüfbare Grundlage speziell für Retrofit-Szenarien mit PV-Aufbauten. Dass FM Approvals den Standard offiziell eingeführt und öffentlich erläutert hat, unterstreicht die Relevanz für den Markt.

Pyrofabsol White: unser Ansatz – und die offene Frage

Unser Pyrofabsol White ist eine weiße Schutzschicht für Dachflächen im PV-Umfeld. Wir sind seit langem mit FM Approvals im Austausch und haben die Entwicklung von FM 4484 ausdrücklich befürwortet. Inhaltlich passt unser Ansatz zur Kernidee des Standards: Brandbegrenzung im Modulzwischenraum durch eine applizierte Schutzlage.

Gleichzeitig sprechen wir mit FM über die Anwendbarkeit auf textile Schutzlagen. Der Begriffsrahmen von FM 4484 ist auf flüssig applizierte Beschichtungen ausgelegt; Textilgewebe können dann einschlägig sein, wenn sie als verstärkende Einlage in ein flüssiges System integriert werden. Ob und wie reine Bahnenlösungen künftig explizit unter FM 4484 fallen, ist eine sachlich offene Frage, die wir gemeinsam mit FM klären. Ziel ist ein eindeutiger Prüfpfad, für flüssige Systeme und für Systeme mit textilem Anteil, sofern sie als Beschichtung im Sinne des Standards wirken.

Praktische Schritte für Projekte

Wer ein Dach-PV-Projekt plant oder im Bestand ertüchtigen möchte, sollte früh prüfen, ob die gewählte Schutzlösung unter FM 4484 prüffähig ist. Wichtig sind korrekte Applikation gemäß Herstellerangaben, definierte Modulkonfiguration im Test und die beiden Referenz-Dachaufbauten. Für die Ausschreibung ist es sinnvoll, die Akzeptanzkriterien wörtlich zu übernehmen und die Dokumente zur Qualitätssicherung anzufordern.

Fazit

FM 4484 liefert erstmals einen PV-spezifischen Retrofit-Nachweis für die Flammenausbreitung oberhalb des Dachdecks. Der Standard ist präzise abgegrenzt, technisch belastbar und auf Reproduzierbarkeit ausgelegt. Für das Fachpublikum heißt das: Planungssicherheit bei der Wahl der Beschichtung, transparente Grenzwerte im Worst-Case-Szenario und eine saubere Schnittstelle zu angrenzenden Normen. Für Pyrofabsol White ist der Standard der natürliche Referenzrahmen – und wir arbeiten daran, die Anwendbarkeit auf textile Ansätze gemeinsam mit FM klar und zukunftsfest zu verankern.

Häufig gestellte Fragen

Was prüft der FM-4484-Standard bei PV-Anlagen auf Bestandsdächern?

FM 4484 prüft ausschließlich die Flammenausbreitung im Hohlraum unter starren PV-Modulen auf bestehenden Dachaufbauten. Der Brandangriff erfolgt von oben auf die Dachoberfläche. Nachgewiesen wird, ob eine nachträgliche Beschichtung einen unter den Modulen entstehenden Brand lokal begrenzen kann, statt eine großflächige Ausbreitung zuzulassen.

Für welche Dachkonstruktionen gilt FM 4484?

Geprüft wird auf zwei Referenzaufbauten, die typische Gewerbe- und Industriedächer abbilden: einem EPDM-Dachaufbau und einem Asphaltic-BUR-Dachaufbau. Die Ergebnisse dienen als Referenz für vergleichbare Bestandsdächer mit ähnlichem Schichtenaufbau und ermöglichen eine übertragbare Bewertung der Beschichtung.

Was bewertet FM 4484 ausdrücklich nicht?

FM 4484 deckt keine statischen oder elektrischen Themen ab. Nicht bewertet werden unter anderem Windauftrieb, Hagel, seismische Einwirkungen, elektrische Sicherheit, Dachlasten und Brände unterhalb des Tragdecks. Für diese Bereiche gelten andere Standards (z. B. FM 4478 für PV-Systeme, ASTM E108 für Dachdeckungen), die ergänzend heranzuziehen sind.

Was sind die wichtigsten Akzeptanzkriterien für ein Bestehen nach FM 4484?

Entscheidend ist die begrenzte Flammen- und Schadensausbreitung: Die Flammenfront darf die Modulreihe am Austritt um maximal 152 mm überschreiten, und auch die Schädigung des Dachaufbaus darf diesen Bereich nicht überschreiten. Zusätzlich gelten Vorgaben entlang der Längskanten des Prüfmusters. Die Grenzwerte sind bewusst streng gewählt, um ein Worst-Case-Szenario im Modulzwischenraum abzubilden.

Warum wurde FM 4484 entwickelt und welchen praktischen Nutzen hat der Standard?

Viele Bestandsdächer bestehen aus brennbaren Aufbauten (z. B. Bitumen, EPS), auf denen PV-Anlagen nachgerüstet werden. Im Hohlraum unter den Modulen kann sich ein lokaler Brand sonst schnell horizontal ausbreiten. FM 4484 schafft erstmals einen PV-spezifischen Retrofit-Nachweis für die Flammenausbreitung oberhalb des Dachdecks. Das erleichtert Planern, Betreibern und Versicherern die Risikobewertung, Nachweisführung und Versicherbarkeit von PV-Bestandsdächern.

Autorenfoto von Bastian Kuhlmann

Über den Autor

Bastian Kuhlmann ist Geschäftsführer der Sonnen Stark GmbH, dem Marktführer für innovative Brandschutzgewebe unter Photovoltaikanlagen. Mit seiner Leidenschaft für Technik und nachhaltige Energielösungen treibt er die Entwicklung von hochwertigen Schutzsystemen voran, die Dächer und Solaranlagen effektiv vor Brandgefahren schützen.

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